Wein ist Heimat

Ich erinnere mich oft an meinen Deutsch-Abituraufsatz. Er lautete: „Mit der Heimat im Herzen hinaus in die Welt“. Und wenn ich mich recht entsinne, spielte darin auch der Wein eine Rolle. Denn es war mein Elternhaus, das in mir schon früh die Liebe zum Wein erweckte. In unserer Familie gehörte der Wein zum Essen einfach dazu.
Mein Vater, der den Wein der Ortenau besonders schätzte, rief dann: „Schenkt mir ein, ich brauche Kraft!“, und wir taten es ihm nach. Natürlich nach der bis heute gültigen Erkenntnis von Paracelsus, wonach alles Ungesunde vor allem eine Frage der Menge ist. Und so haben wir früh gelernt, mit Wein verantwortlich umzugehen. Bis heute gibt es kaum ein Tag, an dem ich nicht gerne ein Glas trinke. Wein ist Teil meines Lebens und Teil meines Alltags.
Landschaft ist Heimat. In das Rebland zwischen Baden-Baden und Offenburg wurde ich geboren. Das Land ist vom Weinbau tief geprägt. Seit Jahrhunderten gibt der Wein den Menschen der Ortenau, dieser Perle des badischen Landes, Arbeit und sichert ihnen ihre Existenz.
In einer Landschaft des Weines versteht jeder, was der Dreiklang Erde, Wasser, Sonne für den Wein bedeutet und über die Qualität der jährlichen Ernte besagt. So wie jeder Winzer die Natur und die Auswirkungen der Wettersprünge und Klimawechsel erlebt und manchmal auch erleidet. Das prägt die Menschen.
Hier ist meine Heimat. Heimat, das sind die Orte der Kindheit. Dort, wo ich laufen lernte, wo ich im Bach mit aufgepumpten Schläuchen alter Autoreifen badete, wo uns der Vater aus dem Wasser zog, wo ich den Duft der Apfelblüten und den Geruch der Kornfelder in mich aufsog und wo ich die ersten Kirschen aus fremden Gärten stahl. Kurz: Die Zeit in der ich in meiner Erinnerung der glücklichste Mensch auf Gottes Erden war. Später, als sich der Radius des Kindes vergrößerte, kamen andere Entdeckungen hinzu: die Weinberge, die vielen wunderbaren Kirchen, Klöster, Schlösser mit ihren unendlich vielen Zeugnissen eines reichen kulturellen Schaffens, die uns unser Vater gezeigt hatte. Und wiederum später die Gasthäuser und die Weinfeste. All das hat mich geprägt.
Wenn ich heute in der Gegend bin, dann lebe ich inmitten der Weinberge, in Fessenbach. Hier, wo Bacchus mit dem großartigen Brunnen von Sandro Chia eine wunderbare Verbindung von Wein und Kunst schafft, bin ich lebensglücklich. Wer die Nähe zur Heimat nicht hat, der kann auch kein Weltbürger sein.
Bis heute ist das wunderbare Land der Reben, die Ortenau, meine Heimat geblieben und wie der gesamte Oberrhein mit meiner Familie eng verbunden.
Dass Johannes Gutenberg für seinen ersten Buchdruck eine Weinpresse benutzt hat, ist das nicht eine wundervolle Verbindung von Weinbau und Verlag?
Wenn ich heute Wein trinke, dann nicht, um ein gutes Gespräch zu führen, um zu diskutieren, zu streiten gar oder mich zu versöhnen. Und auch nicht, um Geschäfte zu machen. Ich möchte vielmehr den Boden spüren und den Ort fühlen, an dem ich mich gerade befinde und aus dessen Erde der Wein stammt.
Wo immer ich auf der Welt bin, brauche ich Wein zur Erdung. Denn wenn ich Wein trinke, schmecke ich Heimat. Wein ist Heimat.
Hubert Burda






