Im Weinberg des Herrn

„Mit der Heimat im Herzen hinaus in die Welt.“ Die Aufgabenstellung meines Deutsch-Abituraufsatzes habe ich befolgt, real und digital. Das Wort Heimat stammt aus dem Germanischen und beschrieb ursprünglich ein Wohnrecht mit Schlafstelle im Haus. Das hatte ich in meinem Elternhaus in der Offenburger Schanzstraße. Die Gebrüder Grimm definierten Heimat in ihrem Deutschen Wörterbuch aus dem Jahr 1877 als „das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden Aufenthalt hat“. Und so nenne ich bis heute Baden und die Ortenau meine Heimat. In einem poetischen Sinn tauchte der Begriff Heimat erstmals während der Industrialisierung im Umfeld der romantischen Bewegung auf. Die Poesie des Ortes ist es, die meinen Vater, mich und auch meinen Sohn Felix mit Fessenbach verbindet: das Seebach‘sche Schlösschen, hinter dem der Senator einen Weinberg anlegen ließ und vor dem ein Obstgarten mit Kieswegen, die zu einem Tempietto führen, an Felix erinnert.
Die Sicht auf die Rebberge, Stadt und Dörfer, Schwarzwaldhöhen und die Vogesen ist fantastisch. „Hier verbringe ich die glücklichsten Stunden des Tages. Hier ist der Ort, an dem ich zu mir selbst finde“, schrieb mein Vater. An einem goldenen Oktobertag fasste er einen Entschluss: „Man müsste den Winzern und dem Wein, dem schönsten Reichtum unserer Heimat, ein Denkmal setzen.“
1984 wurde die Bacchus-Skulptur von Sandro Chia in Fessenbach enthüllt, und der Senator sprach: „Herr, beschütze unser Land, uns‘re Laub- und Tannenbäume, Menschen, Wald und Lebensräume, alles liegt in deiner Hand!“ In diesem Satz wird die Spiritualität meines Vaters deutlich, seine Liebe zu Schöpfung und Natur, seine Zuneigung zu den Menschen, die unsere Kulturregion pflegen.
Er bewunderte die Arbeit der Winzer ebenso wie die der großen Erfinder und Baumeister dies- und jenseits des Rheins. Er konnte aus dem Stand einen Vortrag über die Gotik am Oberrhein halten und sich vor den Kathedraltürmen, die sein verehrter Goethe als „Bäume Gottes“ bezeichnet hatte, verbeugen.
Als Student der Kunstgeschichte offenbarte sich mir am Kaiserstuhl erstmals die Bedeutung von „connect the unexpected“.
In den Hochaltären von Meister HL in Breisach und Niederrotweil trafen Weinreben und spätgotisches Rankenwerk zusammen und symbolisierten aufs Vortrefflichste das Geheimnis der Eucharistie. Hier fand ich Antwort auf die Frage des mittelalterlichen Mystikers Heinrich Seuse, der am Oberrhein gewirkt hatte: „Wie kann man Bildloses im Bilde darstellen …, das über alle Sinne und über menschliche Vernunft ist?“
Wann immer ich einen Weinberg sehe, kehren die Bilder zurück. Am meisten Magie aber besitzt für mich Fessenbach, die Heimat mit den in der Erde verwurzelten Rebstöcken und dem Blick auf das Straßburger Münster.
Der Turm im Weinberg soll einen noch besseren Weitblick ermöglichen. Er möge den Menschen zum Gefallen sein und sie stets daran erinnern, welche großartigen Innovationen im Oberrheintal geschaffen wurden. Dass ich mich gemeinsam mit dem Mailänder Architekten Roberto Peregalli für ein Bauwerk im gotischen Stil entschieden habe, ist eine Reminiszenz an die Baumeister der für mich schönsten Kirchen des Christentums: das Straßburger und das Freiburger Münster. Die Gotik war der erste Baustil, der eigenständig und völlig neu nördlich der Alpen entwickelt wurde. Der bleistiftartige, sich nach oben verjüngende gotische Turm führt den Blick nach oben in den Himmel. Der Fessenbacher Turm manifestiert reale und fiktive Geschichte, Baukunst und Mystik, und er gewährt Rückblick und Ausblick.
Mein Vater hat Anfang der 60er Jahre das Burda-Hochhaus in Offenburg gebaut, ein Büroturm, der seine Lebensleistung als Verleger, Drucker und eine der Gründerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit symbolisiert. Ich habe sein Werk weitergeführt und widme ihm in Dankbarkeit und zur Erinnerung den „SenaTorre“ an unserem Ort der Poesie.
Die Heimat im Herzen, herzlichst, Hubert Burda.
